Neurodiversität: Unterschiedliche Arten, die Welt wahrzunehmen und zu verarbeiten
Menschen unterscheiden sich nicht nur in ihrer Persönlichkeit, ihren Erfahrungen oder ihren Fähigkeiten. Auch die Art, wie das Gehirn Informationen verarbeitet, Aufmerksamkeit steuert, Sinnesreize wahrnimmt, Sprache und soziale Informationen verarbeitet oder Handlungen organisiert, ist nicht bei allen Menschen gleich. Der Begriff Neurodiversität beschreibt diese Vielfalt neurologischer Entwicklung und Funktionsweisen.
Neurodiversität ist dabei keine Diagnose und auch kein medizinischer Sammelbegriff für bestimmte Störungen. Der Begriff bezeichnet zunächst die Tatsache beziehungsweise das Konzept neurologischer Vielfalt innerhalb der menschlichen Bevölkerung. In diesem Zusammenhang wird häufig zwischen neurotypisch und neurodivergent unterschieden. Als neurodivergent werden Menschen bezeichnet, deren neurologische Entwicklung oder Funktionsweise von gesellschaftlich beziehungsweise statistisch vorherrschenden Mustern abweicht.
Besonders häufig wird der Begriff Neurodivergenz im Zusammenhang mit Autismus und ADHS verwendet. Welche weiteren Merkmale, Entwicklungsstörungen oder Erkrankungen unter Neurodivergenz gefasst werden, ist dagegen nicht einheitlich definiert. Neurodivergenz ist keine diagnostische Kategorie und besitzt deshalb auch keine festgelegte medizinische Liste von Diagnosen, die zwingend dazugehören.
Der Neurodiversitätsansatz entstand unter anderem aus der Selbstvertretung autistischer Menschen und richtet den Blick darauf, neurologische Unterschiede nicht ausschließlich als Defizite zu betrachten. Damit verändert sich die Perspektive: Schwierigkeiten entstehen nicht nur aufgrund individueller Merkmale, sondern können auch daraus hervorgehen, dass Umweltbedingungen, Kommunikation oder gesellschaftliche Erwartungen wenig zu den Bedürfnissen eines Menschen passen.
Das bedeutet jedoch nicht, Beeinträchtigungen zu leugnen oder Diagnosen für bedeutungslos zu erklären. Autismus und ADHS sind fachlich beschriebene neuronale Entwicklungsstörungen, für deren Diagnostik festgelegte Kriterien gelten. Sie können mit erheblichen Schwierigkeiten und Unterstützungsbedarf verbunden sein. Gleichzeitig unterscheiden sich Menschen mit derselben Diagnose deutlich voneinander und lassen sich nicht auf eine Sammlung von Defiziten reduzieren. Eine fachlich ausgewogene Betrachtung nimmt deshalb sowohl individuelle Fähigkeiten und Ressourcen als auch tatsächliche Beeinträchtigungen und Unterstützungsbedarfe ernst.
Gerade im Internet werden einzelne Merkmale inzwischen häufig unmittelbar mit Neurodivergenz verbunden. Reizempfindlichkeit, Schwierigkeiten mit Veränderungen, intensive Interessen, Konzentrationsprobleme, soziale Unsicherheit oder das Bedürfnis nach Rückzug können bei Autismus oder ADHS eine Rolle spielen, kommen jedoch auch bei anderen psychischen oder körperlichen Bedingungen und bei Menschen ohne entsprechende Diagnose vor. Ein einzelnes Merkmal erlaubt deshalb keine Aussage darüber, ob ein Mensch neurodivergent ist oder eine bestimmte Diagnose erfüllt.
Eine fachgerechte Diagnostik betrachtet vielmehr die Gesamtheit der Merkmale, ihre Ausprägung und Entwicklung sowie ihre Bedeutung für verschiedene Lebensbereiche. Bei Autismus und ADHS spielt dabei auch die Entwicklung seit der Kindheit eine wesentliche Rolle, da beide zu den neuronalen Entwicklungsstörungen gehören. Eine Diagnose entsteht deshalb nicht dadurch, dass sich ein Mensch in einzelnen Beschreibungen oder Beiträgen in sozialen Medien wiedererkennt.
Gleichzeitig kann genau dieses Wiedererkennen ein Anlass sein, sich mit der eigenen Wahrnehmung und Lebensgeschichte genauer auseinanderzusetzen. Gerade Menschen, deren Besonderheiten lange kompensiert oder von ihrer Umgebung anders erklärt wurden, beschäftigen sich teilweise erst im Erwachsenenalter mit der Frage, ob Autismus oder ADHS eine Rolle spielen könnten. Eine solche Frage darf ernst genommen werden, ohne dass ihr Ergebnis bereits feststehen muss.
Bei Urverbunden kann deshalb eine erste strukturierte Orientierung zu möglichen Hinweisen auf Autismus oder ADHS stattfinden. Im Rahmen eines Vorscreenings können geeignete Screeningverfahren und eine strukturierte Betrachtung der eigenen Beobachtungen dabei helfen einzuschätzen, ob eine weiterführende fachliche Diagnostik sinnvoll sein könnte. Ein Vorscreening stellt ausdrücklich keine Diagnose und ersetzt keine fachärztliche oder psychotherapeutische Diagnostik.
Der Bereich Neurodiversität soll deshalb vor allem eines ermöglichen: fachlich fundiertes Wissen, das weder vorschnell pathologisiert noch vorschnell diagnostiziert. Auf den folgenden Seiten werden Autismus, ADHS und weitere ausgewählte Themen genauer erklärt, ihre fachlichen Grundlagen dargestellt und verbreitete Missverständnisse eingeordnet.
Autismus: Eine Form neurodivergenter Entwicklung
Autismus bezeichnet eine Form der neurologischen Entwicklung, die sich unter anderem darauf auswirkt, wie Menschen soziale Informationen verarbeiten, kommunizieren, ihre Umwelt wahrnehmen und mit Reizen, Veränderungen und wiederkehrenden Mustern umgehen.
Autismus beginnt in der frühen Entwicklung und begleitet einen Menschen grundsätzlich über die Lebensspanne, auch wenn sich einzelne Merkmale, Bewältigungsstrategien und der Unterstützungsbedarf im Laufe des Lebens verändern können.
In medizinischen Klassifikationssystemen wird Autismus als neuronale Entwicklungsstörung eingeordnet. Die aktuelle ICD 11 führt die Autismus Spektrum Störung innerhalb der neuronalen Entwicklungsstörungen. Gleichzeitig wird Autismus im Rahmen des Neurodiversitätskonzepts als eine Form neurodivergenter Entwicklung verstanden. Diese beiden Einordnungen beschreiben unterschiedliche Ebenen und müssen sich nicht gegenseitig ausschließen. Die medizinische Perspektive ermöglicht eine diagnostische Einordnung und die Erfassung von Beeinträchtigungen und Unterstützungsbedarf.
Die Neurodiversitätsperspektive richtet den Blick zusätzlich darauf, dass menschliche Gehirne sich unterschiedlich entwickeln und dass autistische Wahrnehmungs und Verarbeitungsweisen nicht ausschließlich unter dem Gesichtspunkt von Defiziten betrachtet werden sollten.
Der Begriff Spektrum bedeutet dabei nicht, dass Autismus auf einer einfachen Linie von leicht bis schwer angeordnet werden kann. Autistische Menschen unterscheiden sich erheblich voneinander. Eine Person kann beispielsweise sprachlich sehr kompetent sein und gleichzeitig große Schwierigkeiten mit Reizverarbeitung oder Veränderungen haben. Eine andere Person benötigt umfangreiche Unterstützung bei Kommunikation und Alltagsbewältigung.
Auch intellektuelle Fähigkeiten, Sprache, Selbstständigkeit und Unterstützungsbedarf können sehr unterschiedlich ausgeprägt sein.
Für die diagnostische Einordnung sind zwei grundlegende Merkmalsbereiche von Bedeutung. Der erste betrifft anhaltende Besonderheiten beziehungsweise Schwierigkeiten in der sozialen Kommunikation und sozialen Interaktion. Dazu können beispielsweise Schwierigkeiten gehören, unausgesprochene soziale Informationen intuitiv zu erfassen, wechselseitige Gespräche zu gestalten, nonverbale Signale einzuordnen oder Beziehungen entsprechend unterschiedlicher sozialer Situationen zu gestalten. Wie deutlich diese Merkmale sichtbar werden, hängt jedoch auch von der jeweiligen Person, ihrer Entwicklung, ihren Erfahrungen und dem sozialen Umfeld ab.
Der zweite Bereich umfasst eingeschränkte, repetitive und wenig flexible Verhaltensweisen, Interessen oder Aktivitäten. Dazu können wiederholte Bewegungen oder Handlungen, ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Gleichförmigkeit und Vorhersehbarkeit, intensive oder stark fokussierte Interessen sowie Besonderheiten in der Verarbeitung sensorischer Reize gehören. Veränderungen können deshalb erheblichen Stress verursachen, während Routinen und verlässliche Abläufe Orientierung und Regulation ermöglichen können.
Sensorische Wahrnehmung spielt bei vielen autistischen Menschen eine wichtige Rolle. Geräusche, Licht, Berührungen, Gerüche, Geschmack, Temperaturen oder andere körperliche und Umweltreize können besonders intensiv, wenig intensiv oder auf ungewöhnliche Weise wahrgenommen werden. Eine Umgebung, die für andere Menschen kaum belastend erscheint, kann dadurch erheblichen Stress auslösen. Umgekehrt können bestimmte sensorische Reize gezielt gesucht werden, weil sie als angenehm oder regulierend erlebt werden.
Autismus bedeutet nicht, dass ein Mensch keine Gefühle, keine Empathie oder kein Bedürfnis nach Beziehungen besitzt. Solche Vorstellungen gehören zu den hartnäckigen Vereinfachungen über Autismus. Schwierigkeiten können vielmehr darin bestehen, soziale Signale zu erkennen, richtig zuzuordnen oder die eigenen Gefühle und Reaktionen in einer für andere verständlichen Weise auszudrücken.
Gleichzeitig können auch nicht autistische Menschen Schwierigkeiten haben, die Kommunikation und Perspektive eines autistischen Menschen richtig zu verstehen. Soziale Missverständnisse entstehen deshalb nicht zwangsläufig nur auf einer Seite.
Manche autistische Menschen entwickeln im Laufe ihres Lebens umfangreiche Strategien, um ihre autistischen Merkmale weniger sichtbar werden zu lassen oder sich sozialen Erwartungen anzupassen. Dafür werden häufig die Begriffe Masking oder Camouflaging verwendet. Dazu kann beispielsweise gehören, soziale Verhaltensweisen bewusst zu beobachten und nachzuahmen, Blickkontakt gezielt herzustellen, spontane Reaktionen zu unterdrücken oder Gespräche gedanklich vorzubereiten. Solche Strategien können dazu beitragen, im Alltag weniger aufzufallen, gleichzeitig aber erhebliche kognitive und emotionale Anstrengung erfordern. Auch deshalb kann Autismus bei manchen Menschen lange unerkannt bleiben.
Im Zusammenhang mit starker Überlastung werden außerdem häufig die Begriffe Meltdown und Shutdown verwendet. Sie beschreiben unterschiedliche Reaktionen auf Situationen, in denen Anforderungen, emotionale Belastung oder sensorische Reize die vorhandenen Regulationsmöglichkeiten übersteigen. Bei einem Meltdown kann sich die Überlastung deutlich nach außen zeigen, beispielsweise durch starke emotionale oder körperliche Reaktionen. Bei einem Shutdown richtet sich die Reaktion stärker nach innen.
Kommunikation, Bewegung oder die Fähigkeit, auf Anforderungen zu reagieren, können dann vorübergehend stark eingeschränkt sein. Diese Begriffe sind hilfreiche Beschreibungen bestimmter Erfahrungen, stellen jedoch keine eigenständigen Diagnosen dar und sind für sich genommen kein Nachweis für Autismus.
Nicht jedes Merkmal, das mit Autismus in Verbindung gebracht wird, bedeutet deshalb, dass tatsächlich Autismus vorliegt. Sensorische Empfindlichkeit, soziale Unsicherheit, ein großes Bedürfnis nach Rückzug, intensive Interessen, Schwierigkeiten mit Veränderungen oder das Gefühl, soziale Situationen anstrengend zu finden, können auch aus anderen Gründen auftreten. Einzelne Eigenschaften reichen für eine diagnostische Einordnung nicht aus.
Für eine Autismusdiagnose wird vielmehr das gesamte Entwicklungs und Verhaltensmuster betrachtet. Entscheidend ist unter anderem, ob charakteristische Merkmale aus beiden diagnostischen Kernbereichen vorliegen, ob sie ihren Ursprung in der frühen Entwicklung haben und welche Auswirkungen sie auf das gegenwärtige Leben haben. Gleichzeitig müssen mögliche andere oder zusätzliche Erklärungen berücksichtigt werden. Autismus kann außerdem gemeinsam mit anderen psychischen oder neuronalen Entwicklungsstörungen auftreten, beispielsweise mit ADHS.
Gerade bei Erwachsenen kann die rückblickende Betrachtung der Entwicklung wichtig sein. Manche Menschen beginnen erst im Erwachsenenalter, eigene Erfahrungen und wiederkehrende Schwierigkeiten im Zusammenhang mit Autismus zu betrachten.
Das bedeutet nicht, dass Autismus erst zu diesem Zeitpunkt entstanden ist. Als neuronale Entwicklungsstörung beginnt Autismus bereits in der frühen Entwicklung. Merkmale können jedoch lange unerkannt bleiben, weniger deutlich sichtbar sein oder durch erlernte Strategien kompensiert werden. Auch steigende Anforderungen an Selbstorganisation, Beziehungen, Beruf oder Familienleben können dazu führen, dass bisherige Kompensationsstrategien nicht mehr ausreichen und die Frage nach einer möglichen autistischen Entwicklung erstmals stärker in den Vordergrund tritt.
Wenn eine solche Frage entsteht, können standardisierte Screeningverfahren eine erste strukturierte Orientierung ermöglichen.
Sie erfassen Merkmale, die mit Autismus in Zusammenhang stehen können, und helfen dabei einzuschätzen, ob eine weiterführende diagnostische Abklärung sinnvoll erscheint. Dabei ist wichtig, nicht nur die gegenwärtige Situation zu betrachten, sondern soweit möglich auch Hinweise aus der bisherigen Entwicklung einzubeziehen.
Ein Screening kann jedoch nicht feststellen, ob tatsächlich eine Autismus Spektrum Störung vorliegt. Ein auffälliges Ergebnis ist ein Hinweis auf einen möglichen weiteren Abklärungsbedarf, aber keine Diagnose. Umgekehrt kann auch ein unauffälliges Screening eine diagnostische Abklärung nicht in jedem Fall überflüssig machen, wenn aufgrund der Entwicklungsgeschichte und des Gesamtbildes weiterhin ein begründeter Verdacht besteht.
Eine fachgerechte Autismusdiagnostik geht deshalb über ein Vorscreening hinaus. Sie betrachtet das gesamte Muster autistischer Merkmale und deren Entwicklung, berücksichtigt unterschiedliche Lebensbereiche und prüft, ob die diagnostischen Voraussetzungen erfüllt sind. Gleichzeitig werden mögliche andere oder zusätzlich bestehende Erklärungen für die vorhandenen Schwierigkeiten berücksichtigt.
Dies ist insbesondere deshalb bedeutsam, weil einzelne Merkmale von Autismus nicht spezifisch für Autismus sind und beispielsweise auch im Zusammenhang mit ADHS, psychischen Belastungen oder anderen Entwicklungsbedingungen auftreten können.
Bei Urverbunden biete ich eine strukturierte Erstorientierung für Menschen an, die sich fragen, ob Autismus bei ihnen eine Rolle spielen könnte. Im Rahmen des Vorscreenings werden aktuelle Erfahrungen und autistische Merkmale systematisch betrachtet, geeignete standardisierte Screeningverfahren eingesetzt und, soweit möglich und sinnvoll, Hinweise aus der bisherigen Entwicklung einbezogen. Ziel ist es, vorhandene Hinweise fachlich zu sortieren und einzuschätzen, ob eine weiterführende Autismusdiagnostik sinnvoll erscheint. Das Vorscreening stellt keine Diagnose und ersetzt keine fachärztliche oder psychotherapeutische Autismusdiagnostik.
Ergibt sich daraus ein weiterführender diagnostischer Abklärungsbedarf, kann auf Wunsch die Vermittlung an eine entsprechend qualifizierte Psychologische Psychotherapeutin erfolgen.
ADHS: Wenn Aufmerksamkeit und Selbststeuerung anders funktionieren
ADHS steht für Aufmerksamkeitsdefizit Hyperaktivitätsstörung und gehört zu den neuronalen Entwicklungsstörungen.
Sie beginnt in der Kindheit und kann bis ins Erwachsenenalter fortbestehen. Kennzeichnend sind anhaltende Muster von Unaufmerksamkeit und beziehungsweise oder Hyperaktivität und Impulsivität, die über das hinausgehen, was für Alter und Entwicklungsstand zu erwarten wäre. Für die diagnostische Einordnung ist außerdem bedeutsam, dass die Merkmale nicht nur gelegentlich oder in einer einzelnen Situation auftreten, sondern sich in mehreren Lebensbereichen zeigen und zu relevanten Beeinträchtigungen führen. Wie deutlich sie sichtbar werden, kann dabei je nach Umgebung, Anforderungen und vorhandener Unterstützung unterschiedlich sein.
ADHS betrifft damit nicht einfach die Fähigkeit, sich zu konzentrieren. Schwierigkeiten bestehen vielmehr in der Regulation und Aufrechterhaltung von Aufmerksamkeit sowie in der Steuerung von Aktivität und Impulsen.
Ein Mensch mit ADHS kann sich unter bestimmten Bedingungen sehr intensiv mit einer Tätigkeit beschäftigen und gleichzeitig erhebliche Schwierigkeiten haben, die Aufmerksamkeit bewusst auf eine wenig interessante, monotone oder länger andauernde Aufgabe zu richten und dort zu halten. Dass Konzentration grundsätzlich möglich ist, spricht deshalb nicht gegen ADHS.
Unaufmerksamkeit kann sich beispielsweise darin zeigen, dass Details übersehen werden, Aufgaben nicht zu Ende geführt werden, Gesprächen nur schwer durchgehend gefolgt werden kann oder äußere und innere Reize die Aufmerksamkeit schnell abziehen.
Auch häufiges Vergessen oder Verlegen von Gegenständen sowie Schwierigkeiten bei der Organisation und Strukturierung von Aufgaben können dazugehören. Entscheidend ist dabei nicht das gelegentliche Auftreten solcher Schwierigkeiten, sondern ein überdauerndes Muster, das in seiner Ausprägung und seinen Auswirkungen über gewöhnliche Schwankungen von Aufmerksamkeit und Organisation hinausgeht.
Hyperaktivität muss ebenfalls nicht dem verbreiteten Bild eines Menschen entsprechen, der ständig in Bewegung ist. Sie kann sich durch motorische Unruhe, häufiges Aufstehen, Schwierigkeiten mit ruhigen Tätigkeiten, einen ausgeprägten Bewegungsdrang oder ein starkes Gefühl innerer Unruhe zeigen. Gerade im Erwachsenenalter kann die nach außen sichtbare motorische Aktivität weniger auffällig sein, während eine innere Unruhe weiterhin deutlich erlebt wird.
Impulsivität betrifft unter anderem die Fähigkeit, Reaktionen aufzuschieben und das eigene Verhalten vor einer Handlung ausreichend zu regulieren. Menschen können beispielsweise Antworten geben, bevor eine Frage beendet wurde, andere unbeabsichtigt unterbrechen, Schwierigkeiten mit dem Warten haben oder sehr schnell handeln und entscheiden. Auch hier gilt, dass einzelne impulsive Verhaltensweisen keine ADHS begründen. Für die diagnostische Einordnung ist das Gesamtbild entscheidend.
ADHS kann unterschiedlich in Erscheinung treten. Bei manchen Menschen stehen unaufmerksame Symptome im Vordergrund, bei anderen hyperaktive und impulsive Symptome, bei wieder anderen sind beide Bereiche deutlich ausgeprägt. Die früher häufig verwendete Bezeichnung ADS wird heute nicht als eigenständige Störung neben ADHS verstanden. Eine wenig ausgeprägte oder nach außen kaum sichtbare Hyperaktivität schließt ADHS deshalb nicht aus.
Im Zusammenhang mit ADHS spielen häufig auch sogenannte exekutive Funktionen eine wichtige Rolle. Damit sind Steuerungsprozesse gemeint, die unter anderem benötigt werden, um Handlungen zu planen, Prioritäten zu setzen, mit einer Aufgabe zu beginnen, relevante Informationen kurzfristig verfügbar zu halten, Impulse zu hemmen, zwischen Tätigkeiten zu wechseln und zielgerichtetes Verhalten aufrechtzuerhalten. Schwierigkeiten in diesen Bereichen können den Alltag erheblich beeinflussen. Beeinträchtigungen exekutiver Funktionen sind bei ADHS häufig relevant, stellen für sich genommen jedoch kein eigenständiges diagnostisches Kriterium dar.
Auch Schwierigkeiten bei der Regulation von Emotionen werden bei Menschen mit ADHS häufig beschrieben und wissenschaftlich untersucht. Emotionale Reaktionen können schnell und intensiv auftreten und es kann schwerfallen, nach einer starken Aktivierung wieder in einen ausgeglicheneren Zustand zurückzufinden. Emotionale Dysregulation ist für das Verständnis der Lebensrealität vieler Betroffener bedeutsam, gehört jedoch nicht in allen diagnostischen Klassifikationssystemen zu den diagnostischen Kernmerkmalen von ADHS.
Gelegentlich wird im Zusammenhang mit ADHS auch von Hyperfokus gesprochen. Gemeint sind Phasen sehr intensiver und anhaltender Beschäftigung mit einer bestimmten Tätigkeit oder einem besonders interessierenden Thema. Der Begriff beschreibt Erfahrungen, von denen Menschen mit ADHS häufig berichten, ist jedoch kein diagnostisches Kriterium. Weder das Erleben eines solchen intensiven Fokus noch sein Fehlen kann deshalb für sich genommen eine ADHS Diagnose begründen oder ausschließen.
Die Auswirkungen von ADHS können sich im Laufe des Lebens verändern. Schule, Ausbildung, Beruf, Beziehungen, Elternschaft oder die selbstständige Organisation des Alltags stellen jeweils unterschiedliche Anforderungen an Aufmerksamkeit und Selbststeuerung. Äußere Strukturen können Schwierigkeiten zeitweise auffangen, während zunehmende Anforderungen bestehende Probleme deutlicher hervortreten lassen können. Gleichzeitig entwickeln viele Menschen individuelle Strategien zur Kompensation, sodass Schwierigkeiten für das Umfeld teilweise weniger sichtbar sind.
ADHS beginnt definitionsgemäß während der Entwicklung. Für die diagnostische Einordnung müssen Hinweise auf entsprechende Symptome bereits vor dem 12. Lebensjahr bestanden haben, auch wenn ADHS zu diesem Zeitpunkt noch nicht erkannt oder diagnostiziert wurde. Eine Konzentrationsproblematik, die erstmals im Erwachsenenalter auftritt, reicht deshalb nicht für eine ADHS Diagnose aus. Gerade bei einer Abklärung im Erwachsenenalter ist die Entwicklungsgeschichte ein wichtiger Bestandteil der diagnostischen Beurteilung.
Nicht jede Konzentrationsschwierigkeit, Vergesslichkeit, innere Unruhe oder mangelnde Organisation ist jedoch Ausdruck einer ADHS. Vergleichbare Beschwerden können unter anderem im Zusammenhang mit Schlafproblemen, anhaltendem Stress, Angststörungen, Depressionen, Traumafolgestörungen, körperlichen oder neurologischen Erkrankungen, anderen neuronalen Entwicklungsstörungen sowie durch bestimmte Medikamente oder Substanzen auftreten. Autismus und ADHS können außerdem gemeinsam vorkommen.
Eine fachgerechte diagnostische Abklärung betrachtet deshalb nicht nur einzelne Symptome, sondern deren Beginn und Verlauf, ihre Ausprägung in verschiedenen Lebensbereichen, bestehende Beeinträchtigungen und mögliche andere oder zusätzlich bestehende Erklärungen.
Wenn die Frage nach möglichem ADHS entsteht, können standardisierte Screeningverfahren eine erste strukturierte Orientierung ermöglichen. Sie helfen dabei, entsprechende Merkmale systematisch zu erfassen und einzuschätzen, ob eine weiterführende diagnostische Abklärung sinnvoll erscheint. Ein auffälliges Screening bedeutet jedoch nicht automatisch, dass ADHS vorliegt, und ein Screening kann eine umfassende diagnostische Beurteilung nicht ersetzen.
Eine fachgerechte ADHS Diagnostik geht darüber hinaus und berücksichtigt unter anderem die Entwicklungsgeschichte, das Gesamtbild der Symptome, deren Auftreten in unterschiedlichen Lebensbereichen, die daraus entstehenden Beeinträchtigungen sowie mögliche andere oder zusätzlich bestehende Ursachen und Erkrankungen.
Bei Urverbunden biete ich eine strukturierte Erstorientierung für Menschen an, die sich fragen, ob ADHS bei ihnen eine Rolle spielen könnte. Im Rahmen des Vorscreenings werden aktuelle Erfahrungen und ADHS typische Merkmale systematisch betrachtet, geeignete standardisierte Screeningverfahren eingesetzt und, soweit möglich und sinnvoll, Hinweise aus der bisherigen Entwicklung einbezogen. Ziel ist es, vorhandene Hinweise fachlich zu sortieren und einzuschätzen, ob eine weiterführende ADHS Diagnostik sinnvoll erscheint.
Das Vorscreening stellt keine Diagnose und ersetzt keine fachärztliche oder psychotherapeutische ADHS Diagnostik. Ergibt sich daraus ein weiterführender diagnostischer Abklärungsbedarf, kann auf Wunsch die Vermittlung an eine entsprechend qualifizierte Psychologische Psychotherapeutin erfolgen.
Lese-Rechtschreibstörung: Wenn Lesen und Schreiben dauerhaft schwerfallen
Lesen und Schreiben gehören zu den grundlegenden Fähigkeiten, die Kinder während ihrer Schulzeit erwerben. Während dieser Lernprozess nicht bei allen Kindern gleich schnell verläuft, bestehen bei einer Lese-Rechtschreibstörung deutliche und anhaltende Schwierigkeiten beim Erwerb des Lesens und beziehungsweise oder Rechtschreibens.
Sie gehört zu den neuronalen Entwicklungsstörungen und wird innerhalb der Entwicklungsstörungen des Lernens eingeordnet. Die Schwierigkeiten sind damit nicht einfach die Folge mangelnder Übung, fehlender Motivation oder geringer Anstrengungsbereitschaft.
Im Alltag werden neben dem Begriff Lese-Rechtschreibstörung häufig auch die Bezeichnungen Lese-Rechtschreib-Schwäche, LRS oder Legasthenie verwendet. Diese Begriffe werden jedoch nicht immer einheitlich gebraucht. Fachlich ist es deshalb sinnvoll, genauer zu betrachten, welcher Bereich tatsächlich betroffen ist. Schwierigkeiten können vorwiegend beim Lesen, beim Rechtschreiben oder in beiden Bereichen auftreten.
Beim Lesen können beispielsweise die Lesegenauigkeit, die Lesegeschwindigkeit oder das Leseverständnis beeinträchtigt sein. Betroffene lesen möglicherweise sehr langsam oder stockend, benötigen viel Anstrengung für das Erfassen geschriebener Wörter oder haben Schwierigkeiten, den Inhalt eines Textes zuverlässig zu erschließen. Beim Rechtschreiben können anhaltende Schwierigkeiten beim korrekten Schreiben von Wörtern und bei der Anwendung orthografischer Regeln auftreten. Welche Schwierigkeiten im Vordergrund stehen und wie stark sie ausgeprägt sind, kann sich von Mensch zu Mensch deutlich unterscheiden.
Eine Lese-Rechtschreibstörung sagt nichts darüber aus, wie intelligent ein Mensch ist. Schwierigkeiten beim Lesen und Rechtschreiben können auch bei durchschnittlicher oder hoher Intelligenz auftreten. Gerade diese Diskrepanz kann für Betroffene und ihr Umfeld irritierend sein. Ein Kind kann komplexe Zusammenhänge sehr gut verstehen, sich mündlich differenziert ausdrücken und gleichzeitig erheblich mehr Zeit für einen geschriebenen Text benötigen oder trotz intensiven Übens weiterhin große Schwierigkeiten mit der Rechtschreibung haben.
Die Auswirkungen beschränken sich häufig nicht auf das Schulfach Deutsch. Lesen und Schreiben werden in nahezu allen schulischen Fächern benötigt und spielen später auch in Ausbildung, Studium, Beruf und Alltag eine wichtige Rolle.
Schwierigkeiten können beispielsweise beim Erfassen von Aufgabenstellungen, beim schriftlichen Festhalten von Wissen, bei Prüfungen oder beim Bearbeiten umfangreicher schriftlicher Informationen entstehen. Dadurch kann eine Lese-Rechtschreibstörung Auswirkungen auf die schulische und berufliche Teilhabe haben, die weit über die eigentliche Lese- oder Rechtschreibleistung hinausgehen.
Auch psychosoziale Folgen sind möglich. Wenn Kinder und Jugendliche wiederholt erleben, dass sie trotz erheblicher Anstrengung schlechtere Ergebnisse erzielen als andere, können Frustration, Leistungsängste, Vermeidungsverhalten oder Zweifel an den eigenen Fähigkeiten entstehen. Manche vermeiden Situationen, in denen sie vor anderen lesen oder schreiben müssen. Andere entwickeln Strategien, mit denen sie ihre Schwierigkeiten möglichst wenig sichtbar werden lassen. Solche Reaktionen sind nicht Bestandteil der Lese-Rechtschreibstörung selbst, können aber als Folge wiederholter belastender Erfahrungen entstehen.
Gerade deshalb ist es wichtig, Schwierigkeiten beim Lesen und Rechtschreiben nicht vorschnell als Faulheit, mangelnde Konzentration oder fehlende Lernbereitschaft zu interpretieren.
Ein Kind, das für eine Aufgabe dauerhaft erheblich mehr Anstrengung benötigt und dennoch wiederholt Misserfolge erlebt, kann irgendwann weniger motiviert erscheinen. Die nachlassende Motivation kann dann eine Folge der Schwierigkeiten sein und nicht deren Ursache.
Gleichzeitig bedeutet nicht jede Schwierigkeit beim Lesen oder Rechtschreiben, dass eine Lese-Rechtschreibstörung vorliegt. Kinder entwickeln diese Fähigkeiten unterschiedlich schnell und Lernprobleme können unterschiedliche Ursachen haben.
Für eine fachgerechte diagnostische Einordnung werden deshalb nicht einzelne Fehler betrachtet. Von Bedeutung sind unter anderem Art, Ausprägung und Dauer der Schwierigkeiten, die bisherige Lernentwicklung und die Ergebnisse standardisierter Testverfahren. Ebenso müssen mögliche andere Faktoren berücksichtigt werden, die die Lese- oder Rechtschreibleistung beeinflussen können.
Auch im Erwachsenenalter können Schwierigkeiten fortbestehen. Viele Betroffene entwickeln im Laufe ihres Lebens wirksame Strategien, mit denen sie Anforderungen besser bewältigen oder bestehende Schwierigkeiten teilweise kompensieren. Trotzdem können längere Texte, schriftliche Prüfungen, Zeitdruck oder bestimmte berufliche Anforderungen weiterhin mit einem erheblich höheren Aufwand verbunden sein. Eine Lese-Rechtschreibstörung verschwindet deshalb nicht zwangsläufig mit dem Ende der Schulzeit, auch wenn sich Lese- und Rechtschreibfähigkeiten durch gezielte Förderung deutlich verbessern können.
Unterstützung sollte sich an den tatsächlich bestehenden Schwierigkeiten orientieren. Insbesondere bei Kindern und Jugendlichen können gezielte Fördermaßnahmen dazu beitragen, Lese- und Rechtschreibfähigkeiten systematisch weiterzuentwickeln. Entscheidend ist dabei eine Förderung, die an den betroffenen Fähigkeiten ansetzt und fachlich fundierte Methoden verwendet. Unspezifische Konzentrations- oder Lernübungen ersetzen keine gezielte Förderung der Lese- und Rechtschreibprozesse.
Psychosoziale Beratungsstellen übernehmen keine Diagnostik oder spezifische Behandlung einer Lese-Rechtschreibstörung. Psychosoziale Beratung kann jedoch dort unterstützen, wo die Schwierigkeiten Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl, die Familie, die Schule, die Ausbildung oder andere Lebensbereiche haben. Sie kann außerdem dabei helfen, Belastungen zu sortieren, vorhandene Unterstützungsbedarfe zu klären und geeignete weiterführende Hilfen zu finden.
Besteht der Verdacht auf eine Lese-Rechtschreibstörung, ist eine qualifizierte diagnostische Abklärung sinnvoll. Bei Kindern und Jugendlichen können je nach Fragestellung beispielsweise entsprechend qualifizierte kinder- und jugendpsychiatrische, kinder- und jugendpsychotherapeutische oder psychologische Fachstellen sowie spezialisierte Einrichtungen geeignete Ansprechpartner sein. Auch schulpsychologische Dienste und die Schule können im schulischen Kontext wichtige Anlaufstellen sein. Für eine gezielte Förderung oder Lerntherapie sollte auf eine entsprechende fachliche Qualifikation und Erfahrung mit Lese- und Rechtschreibstörungen geachtet werden. Welche Anlaufstelle im Einzelfall geeignet ist, hängt unter anderem vom Alter, der konkreten Fragestellung und den regional vorhandenen Angeboten ab.
Rechenstörung: Wenn Zahlen und Rechnen dauerhaft schwerfallen
Rechnen zu lernen ist ein komplexer Entwicklungsprozess.
Kinder müssen nicht nur Rechenregeln kennenlernen, sondern zunächst ein Verständnis dafür entwickeln, was Zahlen und Mengen bedeuten und wie sie miteinander in Beziehung stehen. Bei einer Rechenstörung bestehen anhaltende und deutliche Schwierigkeiten beim Erwerb mathematischer Fähigkeiten. Sie gehört zu den neuronalen Entwicklungsstörungen und wird innerhalb der Entwicklungsstörungen des Lernens eingeordnet. Im Alltag wird häufig auch der Begriff Dyskalkulie verwendet.
Die Schwierigkeiten können unterschiedliche Bereiche mathematischer Fähigkeiten betreffen. Dazu gehören beispielsweise das Verständnis von Zahlen und Mengen, das Erfassen von Zahlenbeziehungen, das Erlernen grundlegender Rechenoperationen, das Abrufen einfacher Rechenfakten oder das sichere und flüssige Ausführen von Berechnungen.
Welche Bereiche betroffen sind und wie stark die Schwierigkeiten ausgeprägt sind, unterscheidet sich von Mensch zu Mensch.
Ein Kind mit einer Rechenstörung kann beispielsweise Schwierigkeiten haben, Mengen und Zahlen sicher miteinander zu verbinden oder zu verstehen, dass eine Zahl unabhängig von der Anordnung der Gegenstände dieselbe Menge bezeichnet. Zahlenfolgen, Stellenwerte oder Beziehungen zwischen Zahlen können schwerer erfassbar sein. Manche Kinder bleiben lange auf zählende Strategien angewiesen, weil grundlegende Rechenfakten nicht ausreichend automatisiert werden. Andere kennen einen Rechenweg grundsätzlich, verlieren aber bei mehreren notwendigen Schritten schnell den Überblick.
Eine Rechenstörung bedeutet nicht, dass ein Mensch generell nicht logisch denken kann oder weniger intelligent ist. Mathematische Lernschwierigkeiten können auch bei durchschnittlicher oder hoher Intelligenz auftreten. Betroffene können in sprachlichen, kreativen, sozialen oder anderen kognitiven Bereichen sehr gute Fähigkeiten besitzen und gleichzeitig erhebliche Schwierigkeiten beim Umgang mit Zahlen und mathematischen Aufgaben haben.
Die Auswirkungen können weit über den Mathematikunterricht hinausreichen. Zahlen begegnen uns im Alltag ständig, beispielsweise beim Umgang mit Geld, beim Einschätzen von Preisen und Mengen, beim Lesen von Uhrzeiten, beim Planen zeitlicher Abläufe oder beim Umgang mit Entfernungen und Maßeinheiten. Welche dieser Bereiche tatsächlich Schwierigkeiten bereiten, ist individuell unterschiedlich und lässt sich nicht allein aus der Diagnose ableiten.
Besonders belastend kann sein, dass Schwierigkeiten beim Rechnen häufig über viele Jahre mit wiederholten Misserfolgserfahrungen verbunden sind. Ein Kind übt möglicherweise intensiv und erlebt trotzdem, dass Aufgaben, die anderen leichtfallen, weiterhin große Anstrengung erfordern. Daraus können Leistungsängste, Vermeidungsverhalten, Frustration oder Zweifel an den eigenen Fähigkeiten entstehen. Manche Betroffene entwickeln im Laufe der Zeit eine ausgeprägte Angst vor Mathematik. Diese emotionalen Folgen sind nicht mit der Rechenstörung selbst gleichzusetzen, können das Lernen jedoch zusätzlich erschweren.
Deshalb ist es wichtig, anhaltende Schwierigkeiten nicht vorschnell als mangelnde Anstrengung, Unaufmerksamkeit oder fehlendes mathematisches Interesse zu interpretieren. Wiederholtes Üben allein führt nicht zwangsläufig dazu, dass grundlegende mathematische Vorstellungen entstehen. Wenn die zugrunde liegenden mathematischen Konzepte nicht ausreichend verstanden sind, kann es notwendig sein, genau dort mit einer gezielten Förderung anzusetzen.
Gleichzeitig ist nicht jedes Kind, das Schwierigkeiten in Mathematik hat, von einer Rechenstörung betroffen. Vorübergehende Lernprobleme können beispielsweise durch Unterrichtsausfälle, fehlende Übung, emotionale Belastungen oder andere Lern- und Entwicklungsbedingungen entstehen.
Auch Aufmerksamkeitsprobleme können mathematisches Lernen beeinflussen. Einzelne schlechte Noten oder Schwierigkeiten mit einem bestimmten mathematischen Thema reichen deshalb nicht aus, um eine Rechenstörung festzustellen.
Für eine fachgerechte diagnostische Einordnung wird betrachtet, welche mathematischen Fähigkeiten betroffen sind, wie ausgeprägt und anhaltend die Schwierigkeiten sind und wie sich die bisherige Lernentwicklung gestaltet hat. Standardisierte Testverfahren ermöglichen eine systematische Erfassung mathematischer Leistungen. Gleichzeitig müssen mögliche andere Einflussfaktoren und zusätzlich bestehende Schwierigkeiten berücksichtigt werden. Eine Diagnose lässt sich deshalb nicht aus einer einzelnen Schulnote oder einem einzelnen auffälligen Verhalten ableiten.
Auch im Erwachsenenalter können Auswirkungen einer Rechenstörung bestehen bleiben. Viele Menschen entwickeln Strategien, um schwierige Situationen zu bewältigen, beispielsweise durch technische Hilfsmittel, feste Routinen oder das Vermeiden bestimmter Anforderungen. Dadurch können die ursprünglichen Schwierigkeiten im Alltag weniger sichtbar werden. Dennoch können Situationen, in denen schnell mit Zahlen gearbeitet, gerechnet oder eine Menge beziehungsweise Größenordnung eingeschätzt werden muss, weiterhin erheblichen Aufwand verursachen.
Eine gezielte Förderung sollte an den tatsächlich beeinträchtigten mathematischen Fähigkeiten ansetzen. Dabei geht es nicht ausschließlich darum, möglichst viele Rechenaufgaben zu wiederholen, sondern mathematische Grundvorstellungen und darauf aufbauende Fertigkeiten systematisch zu entwickeln. Je früher anhaltende Schwierigkeiten erkannt und angemessen unterstützt werden, desto eher können zusätzliche Belastungen und sich verfestigende ungünstige Lernstrategien vermieden werden.
Psychosoziale Beratungsstellen übernehmen nicht die Diagnostik oder spezifische Behandlung einer Rechenstörung. Psychosoziale Beratung kann jedoch dann sinnvoll sein, wenn die Schwierigkeiten bereits Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl, die schulische oder berufliche Situation, familiäre Beziehungen oder andere Lebensbereiche haben. Sie kann dabei unterstützen, Belastungen zu sortieren, vorhandene Ressourcen wieder stärker wahrzunehmen und gemeinsam zu klären, welche weiterführenden Hilfen benötigt werden.
Besteht der Verdacht auf eine Rechenstörung, ist eine qualifizierte diagnostische Abklärung sinnvoll. Bei Kindern und Jugendlichen kommen je nach Fragestellung beispielsweise entsprechend qualifizierte kinder- und jugendpsychiatrische, kinder- und jugendpsychotherapeutische oder psychologische Fachstellen sowie spezialisierte Einrichtungen infrage. Auch schulpsychologische Dienste und die Schule können wichtige Ansprechpartner sein. Für eine gezielte Förderung oder Lerntherapie sollte auf eine entsprechende fachliche Qualifikation und Erfahrung mit Rechenstörungen geachtet werden. Welche Anlaufstelle geeignet ist, hängt vom Alter, der konkreten Fragestellung und den regional vorhandenen Angeboten ab.
Tourette-Syndrom und Tic-Störungen: Wenn Bewegungen und Laute nicht einfach unterdrückt werden können
Tics sind plötzliche, schnelle und wiederkehrende Bewegungen oder Lautäußerungen, die nicht einem gewöhnlichen willentlichen Bewegungsablauf entsprechen.
Sie können sehr unterschiedlich aussehen und reichen von kaum auffälligen Bewegungen bis zu komplexeren Bewegungsabläufen oder Lautäußerungen. Tic-Störungen gehören zu den neuronalen Entwicklungsstörungen. Das Tourette-Syndrom ist eine bestimmte Form innerhalb dieser Gruppe und keineswegs gleichbedeutend mit Tic-Störungen insgesamt.
Grundsätzlich wird zwischen motorischen und vokalen Tics unterschieden.
Motorische Tics betreffen Bewegungen. Dazu können beispielsweise häufiges Blinzeln, Grimassieren, Bewegungen des Kopfes oder der Schultern sowie andere wiederkehrende Bewegungen gehören.
Vokale Tics äußern sich durch Laute oder sprachliche Äußerungen. Dazu können Räuspern, Husten, Schniefen, bestimmte Geräusche, einzelne Wörter oder komplexere Lautäußerungen gehören.
Tics können außerdem unterschiedlich komplex sein. Einfache motorische Tics bestehen beispielsweise aus kurzen Bewegungen einzelner Muskelgruppen, während komplexe motorische Tics aus mehreren aufeinanderfolgenden oder koordiniert wirkenden Bewegungen bestehen können. Entsprechend können vokale Tics aus einfachen Lauten oder komplexeren sprachlichen Äußerungen bestehen.
Beim Tourette-Syndrom treten sowohl mehrere motorische Tics als auch mindestens ein vokaler Tic im Verlauf der Erkrankung auf. Sie müssen nicht zwingend gleichzeitig vorhanden sein. Die Symptomatik beginnt in der Entwicklungsphase und besteht über einen längeren Zeitraum. Andere Tic-Störungen können dagegen beispielsweise ausschließlich motorische oder ausschließlich vokale Tics umfassen. Deshalb bedeutet das Vorhandensein eines Tics nicht automatisch, dass ein Tourette-Syndrom vorliegt.
Ein besonders bekanntes, aber irreführendes Bild des Tourette-Syndroms ist das unwillkürliche Aussprechen von Schimpfwörtern oder sozial unangemessenen Äußerungen. Dieses Phänomen wird als Koprolalie bezeichnet. Es kann beim Tourette-Syndrom auftreten, betrifft jedoch nur einen Teil der Menschen mit Tourette. Die verbreitete Vorstellung, Tourette äußere sich hauptsächlich durch unkontrolliertes Fluchen, bildet die tatsächliche Vielfalt der Störung deshalb nicht ab.
Viele Menschen mit Tics beschreiben vor einem Tic ein unangenehmes inneres Gefühl oder einen zunehmenden Drang, der durch die Ausführung des Tics vorübergehend nachlässt. Dieses sogenannte Vorgefühl oder prämonitorische Dranggefühl kann beispielsweise als Spannung, Druck, Kribbeln oder das Gefühl erlebt werden, eine bestimmte Bewegung unbedingt ausführen zu müssen. Nicht jeder Betroffene nimmt ein solches Vorgefühl gleichermaßen wahr.
Tics sind nicht einfach vollständig willentlich steuerbare Verhaltensweisen. Manche Menschen können sie für eine gewisse Zeit unterdrücken oder hinauszögern. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie sich jederzeit gegen einen Tic entscheiden könnten. Die Unterdrückung kann erhebliche Konzentration und Anstrengung erfordern und mit zunehmendem innerem Drang verbunden sein. Von außen kann dadurch zeitweise der Eindruck entstehen, die betroffene Person könne ihre Tics problemlos kontrollieren, obwohl die tatsächliche Selbststeuerung deutlich komplexer ist.
Auch die Häufigkeit und Intensität von Tics sind nicht konstant. Sie können im Laufe der Zeit stärker oder schwächer werden und sich in ihrer Form verändern. Stress, Anspannung, Müdigkeit, Aufregung und andere situative Faktoren können die Ausprägung beeinflussen. Solche Schwankungen gehören zum typischen Verlauf und bedeuten nicht, dass die betroffene Person ihre Symptome absichtlich verstärkt oder vermindert.
Tics beginnen typischerweise im Kindesalter. Bei vielen Kindern treten im Verlauf der Entwicklung vorübergehend einzelne Tics auf, ohne dass daraus zwangsläufig eine anhaltende Tic-Störung oder ein Tourette-Syndrom entsteht. Für die diagnostische Einordnung sind deshalb unter anderem Art und Dauer der Tics, ihr Beginn und ihr bisheriger Verlauf bedeutsam.
Beim Tourette-Syndrom und anderen Tic-Störungen können zusätzlich weitere neuronale Entwicklungsstörungen oder psychische Erkrankungen auftreten. Besonders häufig werden Zusammenhänge mit ADHS und Zwangsstörungen beziehungsweise Zwangssymptomen beschrieben. Welche zusätzlichen Schwierigkeiten tatsächlich bestehen, muss jedoch individuell betrachtet werden und lässt sich nicht aus einer Tic-Störung ableiten.
Wie stark Tics das Leben beeinträchtigen, ist sehr unterschiedlich. Manche Menschen erleben ihre Tics selbst kaum als belastend und benötigen keine Behandlung. Für andere können sie körperlich anstrengend oder schmerzhaft sein, die Konzentration beeinträchtigen oder zu erheblichen Schwierigkeiten in Schule, Ausbildung, Beruf und sozialen Situationen führen. Belastend können außerdem die Reaktionen des Umfeldes sein. Auffällige Tics können Blicke, Kommentare, Hänseleien oder Ausgrenzung hervorrufen und dadurch zusätzliche psychosoziale Belastungen verursachen.
Eine Behandlung ist deshalb nicht allein deshalb erforderlich, weil Tics sichtbar oder hörbar sind. Entscheidend sind der individuelle Leidensdruck, mögliche körperliche Folgen und die tatsächlichen Beeinträchtigungen im Alltag.
Wenn eine Behandlung notwendig oder gewünscht ist, stehen unter anderem spezielle verhaltenstherapeutische Verfahren zur Verfügung. Abhängig von Art und Schwere der Symptomatik können auch Medikamente eingesetzt werden. Welche Behandlung geeignet ist, sollte individuell fachärztlich beziehungsweise psychotherapeutisch beurteilt werden.
Psychosoziale Beratungsstellen übernehmen keine Diagnostik oder spezifische Behandlung eines Tourette-Syndroms oder einer Tic-Störung. Sie können jedoch dort unterstützen, wo Tics Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl, die Familie, Schule, Ausbildung, Beruf oder soziale Beziehungen haben. Auch der Umgang mit Unverständnis, Stigmatisierung oder belastenden Reaktionen des Umfeldes kann Gegenstand psychosozialer Beratung sein.
Wenn wiederkehrende Bewegungen oder Lautäußerungen auftreten und unklar ist, ob es sich um Tics handelt, ist eine fachliche Abklärung sinnvoll. Je nach Alter und Symptomatik können insbesondere Fachärztinnen und Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Neurologie oder Psychiatrie sowie entsprechend qualifizierte psychotherapeutische Fachpersonen geeignete Ansprechpartner sein. Bei Kindern kann zunächst auch die kinderärztliche Praxis eine geeignete Anlaufstelle sein und bei Bedarf an spezialisierte Stellen weitervermitteln.